Geheimpost an den Westen Widerstand im DDR-Strafvollzug
Mi, 19.08. | 11:15-12:00 | Phoenix
In den 50er Jahren machten die politischen Gefangenen fast mehr als die Hälfte der Insassen aus. Während draußen vom Politbüro Friede, Freundschaft, Solidarität propagiert wurde, wurden sie hinter den Knastmauern von Brandenburg-Görden gelebt. In den 50er Jahren formierte sich dort eine Widerstandsgruppe, die es schaffte, Informationsketten innerhalb der Haftanstalt aufzubauen und Informationen nach draußen zu schleusen. Ihnen gelang sogar die Kontaktaufnahme mit dem Kanzleramt in Bonn. Auf diese Weise verschafften sie den politischen Gefangenen Hafterleichterungen und haben möglicherweise am Ende sogar den Freikauf durch den Westen in Gang gesetzt.
Einer der Häftlinge, der 1964 freigekauft wurde, ist Thomas Ammer. An seiner Geschichte wird die Brutalität und Willkür der DDR besonders deutlich. Er gehörte dem Eisenberger Kreis an, einer Jugendoppositionsgruppe, die sich in der Tradition der Nazi-Widerstandsgruppe Die Weiße Rose sah. Mit Flugblättern trat der Eisenberger Kreis für freie Wahlen in der jungen Republik ein. 1958 wird Ammer im Alter von 21 Jahren verhaftet und zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt. Sein damaliger Anwalt sei dabei chancenlos gewesen, wie Ammer schildert: Man durfte auch nicht über die Straftat sprechen, sondern nur über die Dinge, die außerhalb der Straftat lagen, zum Beispiel die Abwicklung des Mietverhältnisses oder so.
Das Ehepaar Sternheimer machte ähnliche Erfahrungen. Beide werden 1962 nach einem missglückten Fluchtversuch verurteilt. Renate Sternheimer kommt ins Frauengefängnis Hoheneck und Wolfdieter Sternheimer verbringt zwei Jahre in Brandenburg-Görden. Von der Widerstandsgruppe erfährt Wolfdieter Sternheimer erst spät: Ich hab mit denen nach und nach immer mehr Kontakte gehabt, die haben mich mehr und mehr einbezogen, ohne viele Worte habe ich Informationen gekriegt, aber ich war nicht Mitglied und bin mir ganz sicher, dass viele der Mitglieder das nicht wussten.
Die Köpfe der Gruppe leben heute nicht mehr. Willi Brundert gilt als ihr Begründer. Er organsierte sich bereits im Widerstand gegen die Nazis und machte sich nach seiner Flucht in den Westen als Bürgermeister von Frankfurt einen Namen. Über seinen Widerstand im Osten hat er bis zu seinem Tod 1970 geschwiegen, nicht mal seine Tochter Ingrid Prinz wusste etwas über die Widerstandsgruppe in der Haftanstalt Brandenburg-Görden. Ein Schweigekartell, um andere politische Gefangene nicht zu gefährden.
Die bis heute verborgenen Geschichten werden durch die Dokumentation ans Tageslicht gebracht. Während die Restaurierungsabteilung des Hauses der Geschichte den Inhalt des Schachbrettes nach und nach freilegt, werden in der Dokumentation die Schicksale und Motive der heute noch Lebenden mit den Botschaften von damals verbunden.
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