Gedanken für den Tag Zum Trotz

Mo, 20.07.  |  6:57-7:00  |  Ö1
von Daniela Strigl, Literaturwissenschaftlerin

Ist der Trotz eine kindische Eigenschaft, eine Haltung des Eigensinns? Oder eher eine Form von Courage? Die Herkunft des Wortes gilt als unklar, die Bildung aus dem Verb „trotzen“ als wahrscheinlich. Der mittelhochdeutsche „trutz“ hält sich bis heute in der „Trutzburg“, im bewusst archaischen „trutzig“ für wehrhaft. Die Wendung „Schutz und Trutz“ für militärische Bündnisse verrät eine Erweiterung ins Offensive. In der Neuzeit bildet sich allmählich das defensive Verständnis von Trotz als Widerstand heraus, wobei die Betonung eher auf der inneren Haltung der Widerspenstigkeit liegt. Für Martin Luther war „trotzig“ das Gegenteil von „verzagt“. Noch um 1800 ist Trotz als kindlicher Eigensinn bloß eine Nebenbedeutung.Die Rache Achills und die Rache des Michael Kohlhaas entstammen einer männlichen Ethik des Kriegerischen, in der Zorn und Trotz eine beflügelnde Wirkung eignet. Das polemische Element ist im Deutschen der Gegenwart gespeichert. Jemandem oder etwas zu trotzen, etwas einer Sache oder jemandem zum Trotz zu tun, drückt in jedem Fall eine Form von Konfrontation mit einem Hindernis oder Widersacher aus, mitunter auch pure Bosheit. Der dritte Fall ist hier wie in der Präposition „trotz“ der sprachlogisch richtige.Auf dem Weg zur heutigen Verwendung ist dem Trotz die ehrenwert- kämpferische Dimension weitgehend abhandengekommen und die abwertende des kindlichen (und weiblichen!) „Trotzens“ zugewachsen. Wer „aus Trotz“ handelt, dem wird gewöhnlich weder Stolz noch Mut zugeschrieben. Das aktuelle Wortprofil für „Trotz“ im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache zeigt als die häufigsten Verbindungen die Adjektive „kindisch“, „pubertär“, „kindlich“ und „infantil“.

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